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Neue Medien im Deutschunterricht Lektürebegleitung Lösungsvorschläge

Peter Stamm: Agnes

Lösungsvorschläge

Zweite Aufgabe 1. Im Gegensatz zu dem Gefühl der Frau in Agnes‘ Geschichte, von dem Mann okkupiert zu werden, ist sie es, die sich anklammert: aus Angst, beispielsweise vor dem aufdringlichen Verkäufer, von dem vorher die Rede ist, und vor allen möglichen Vorgängen, die sie mit „Innenstadt“ verbindet. Das Gefühl der Angst als Motiv für Agnes, den Erzähler an sich zu binden, ist eine psychische Konstante, die der Erzähler Agnes zuschreibt („schreiben“ im wörtlichen und übertragenen Sinn). Mit seiner Anmerkung „Ausgerechnet an mich“ nimmt der Erzähler – im Blick auf das Ende der Beziehung und den angeblichen Tod Agnes‘, mit dem der Erzähler im ersten Kapitel den Roman beginnt – vorweg, dass er ihr kein Partner sein kann oder will, der ihr Halt und Sicherheit gibt. 2. Der Vorgang in Agnes‘ Erzählung („Ein Mann starrt mich an“) wird im zweiten Kapitel aus der Sicht des Mannes dargestellt, der den Blick nicht mehr von seinem Gegenüber in der Bibliothek wenden kann, ohne – wie er meint – schon da in sie verliebt zu sein. Anders als in Agnes‘ Geschichte entsteht keine bedrohliche Verfolgung und Nähe, die sie wie ein Opfer erscheinen lässt, sondern eine Annäherung, die sie, belegt durch ihr Lächeln, positiv empfindet. Vor dem Hintergrund des „realen“ Beginns einer Beziehung erscheint die Begegnung in Agnes‘ „Fiktion“ wie die Offenbarung einer krankhaften Beziehungsangst, die sich Agnes von der Seele geschrieben hat. 3. Was in Agnes‘ Geschichte nach der ersten Begegnung, als sich der Mann neben die Frau setzt, zur bedrängenden Verfolgung entwickelt, bleibt in Herberts Geschichte bei einem ungewöhnlich engen Moment von emotionaler Aufladung bis zu Umarmung und Kuss, die jedoch von dem weiblichen Wesen sofort wieder aufgelöst wird, aber eine starke Erinnerung bei Herbert zurücklässt. Ergebnis ist die Folgenlosigkeit eines flüchtigen Erlebnisses von Nähe. 4. Nimmt man nur das Plakat (mit Kokoschkas Zeichnung eines brutalen Mordes, die im Text allerdings nicht beschrieben wird, und den Worten „Mörder, Hoffnung der Frauen“), zu dem Agnes feststellt, dass sie „weiß, was es heißt,“ aber nicht, „was es bedeutet,“ dann entsteht eine große Irritation des Lesers, die die Frage aufwirft, warum Agnes sich ein solches Bild neben andere „Drucke“ an die Wand hängt. Malweise und Inhalt passen mit seiner krassen Körperlichkeit, seinem „lauten“ Aktionismus und dem aggressiven frauenfeindlichen Titel ganz und gar nicht in das Charakterbild einer furchtsamen Frau, die stadtfern und naturnah leben möchte, die sich im Badezimmer einschließt und die es

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Peter Stamm: Agnes

Lektürebegleitung Lösungsvorschläge

befremdet, wie ein Verkäufer sie mit anzüglicher Mimik anstarrt. Es könnte ein Hinweis des Autors Stamm sein, der dem Leser über den Horizont des Ich-Erzählers hinaus Assoziationen nahe legt, die beispielsweise Agnes einen Todeswunsch zuschreiben. Setzt man einen postmodernen Leser voraus, der den intertextuellen Spuren nachgeht, dann könnte das Bild auf einen unterbewussten Hintergrund bei Agnes hinweisen, der gekennzeichnet ist durch die Rolle der Frau als williges Opfer männlichen Begehrens oder allgemein den „Geschlechterkampf“ zitiert: „Liebe ist Mord“. Weltanschaulich könnte damit auch der Gedanke verknüpft sein, dass „Liebe und Tod“ als anthropologische Konstante dem Begriffspaar „Fortschritt und Aufklärung“ entgegengesetzt sind; Agnes wäre damit eine Vertreterin eines rückwärtsgewandten „amazonenhaften“ Weiblichkeitskultes, dem der Erzähler heldenhaft entgegentritt und der sie mit seiner „Geschichte“ besiegt und tötet. Bleibt man im Horizont des Erzählers, dann weist die Reaktion auf das Bild, die angibt, dessen Inhalt zwar übersetzen zu können, ohne ihn aber zu verstehen, auf einen Umgang des Paares miteinander hin, der an der Oberfläche der „Beziehung“ bleibt und keine Bindung anstrebt, mit der „Tiefe“ oder „Lebenss